SemZbOntologie

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1.3 Ontologie

Zunächst muss festgestellt werden, dass jene philosophische Position, die unter "realistischer Ontologie" [12] zusammengefasst wird, jedenfalls nicht mit jener Definition einer Ontologie in Einklang zu bringen ist, die innerhalb der Semantic Web-Community auf breitesten Konsens stößt und von Tom Gruber im Kontext der Wissensteilung und Wissenswiederverwendung 1993 vorgeschlagen wurde: "An ontology is an explicit specification of a conceptualization." [9]

Ontologien wurden im Umfeld der Künstlichen Intelligenz entwickelt und sind die zentralen Bausteine des Semantic Web: Mit ihnen kann Wissen
einer Domäne formal repräsentiert und prinzipiell unabhängig von Programmen wieder verwendet werden. Sie beschreiben also Konzepte und
ihre Beziehungen innerhalb einer Wissensdomäne und unterstützen Maschinen dabei, Inhalte im Web interpretieren zu können, anstatt sie
einfach darzustellen und damit sämtliche Vernetzungstätigkeiten dem Menschen zu überlassen bzw. "aufzuhalsen"1. Sie bilden die höchste Stufe der semantischen Reichhaltigkeit (siehe Abbildung 3) und setzen auf semantische Netze auf: Der Begriff "Ontologie" ist aber keineswegs eindeutig und wird auf vielfältige Weise gebraucht, da unterschiedliche Zielsetzungen in einem Spektrum adressiert werden, das sich von maschineller Lesbarkeit von Daten (Automatisierung) bis hin zur Unterstützung von Menschen bei der Erfüllung komplexer, wissensintensiver Arbeiten (Wissensmanagement) erstreckt.

Ontologien werden also entwickelt und eingesetzt, um

  • den Datenaustausch zwischen Programmen zu ermöglichen
  • die Vereinheitlichung und Übersetzung zwischen verschiedenen Wissensrepräsentationsformen zu ermöglichen
  • Services zur Unterstützung von Wissensarbeitern zu entwickeln
  • Theorien abzubilden
  • die Semantik strukturierter und semi-strukturierter Information auszudrücken
  • die Kommunikation zwischen Menschen zu unterstützen und zu erleichtern

ZentraleBegriffe001.jpg

Anhand dieser Aufzählung wird auch klarer, dass weder mit Ontologien, noch mit anderen Formen der Wissensrepräsentation, wie semantischen Netzen, primär die Ebene der Darstellung und Visualisierung von Wissensnetzen - also ontologie-gestützte Navigationshilfen - gemeint ist, sondern zunächst einmal die zugrunde liegenden Modelle, die den Wissensraum formal beschreiben.2 Ein kleines Beispiel zeigt ein RDF-Dokument 3 und eine korrespondierende Visualisierung 4:

<rdf:RDF
    xmlns:rdf="http://www.w3.org/1999/02/22-rdf-syntax-ns#">
     xmlns:skos="http://www.w3.org/2004/02/skos/core#">
    <skos:Concept
rdf:about="http://www.example.com/concepts#mammals">
          <skos:prefLabel>mammals</skos/prefLabel>
          <skos:broader
rdf:resource="http://www.example.com/concepts#animals"/>
   </skos:Concept>

1.3.1 Ontologie als sozialer Verhandlungsprozess

Die Ontologie als "gemeinsames Modell eines Konzeptes der Wirklichkeit" [10] gemeint, das "in einem sozialen Verhandlungsprozess einem Konsens zugeführt wird", stellt den Idealfall dar: Vorliegende Methoden zur Erstellung von Ontologien [1, 22] betrachten die soziale und kollaborative Komponente des Erstellungsprozesses als "Black Box" und schlagen vor allem Top-down-Vorgehensmodelle vor. Auf das so genannte "Consensus-Building" wird kaum eingegangen, vielmehr wird vom "Ontology-Engineering" gesprochen, das auf der Annahme beruht, dass Modelle der Wirklichkeit, die die Basis kollaborativen Arbeitens bilden sollen, wie Automaten entworfen werden können. Dies mag für die Entwicklung von Expertensystemen eine erprobte Vorgehensweise sein, dürfte sich allerdings in der Entwicklung konsensfähiger Metamodelle in größeren Communities im WWW als ungeeignet herausstellen.

Inwiefern sich daher Entwicklungen im Bereich der Social Software wie "keyword tagging", "social bookmarking" 5 und damit verbundenen "Folksonomies" 6, also bottom-up-Strategien auf Basis von user feedback zur Organisation von Wissen dazu eignen 7, einen Beitrag zur Erstellung von Ontologien leisten zu können, warum Folksonomies jedenfalls keine Alternative zu den teilweise mühevoll zu erstellenden Ontologien darstellen, und wie mit Hilfe von Ontologien wiederum das "tagging" organisiert werden kann, darauf wird in [11] eingegangen.

Im gesamten Entwicklungsprozess zum Zwecke der Wissensorganisation überlagern sich Prozesse und Ordnungssysteme in Form einer Kombination aus "qualitätsgesicherten" und standardisierten Ontologien, weitgehend akzeptierten Terminologiesystemen, wie z. B. Fachthesauri und schnelllebigen Folksonomies, die insgesamt einander ergänzen und jeweils die Basis für die weitere Entwicklung tragfähiger Wissensmodelle bilden. Bei Mika [14] wird auf diese Dynamik explizit eingegangen und der Begriff "Ontologie" im Sinne einer "linguistischen Ontologie", also einer Terminologie verwendet:

"Considering the dynamics of the conununity and the extent of neologism, the ontologies emerging from folksonomies such as del.icio.us also have a large potential for enriching established, but slowly evolving linguistic ontologies such as Wordnet." [23]

1.3.2 Ontologie als Wissensmodell mit hoher semantischer Reichhaltigkeit

Dieser Zusammenhang zwischen Ontologie, Terminologie und Folksonomie kann anhand des Münchener Modells des Wissensmanagements und dem damit verbundenen Konzept der "Wasseranalogie des Wissens" [16] veranschaulicht werden:

ZentraleBegriffe002.jpg

Gasförmiges Wissen wird sozusagen laufend - auch in zwischenmenschlicher Konversation oder in eMails - "produziert" und wird dementsprechend, wenn überhaupt, unstrukturiert erfasst. Die Kommunikation über Blogs in der Blogosphäre stellt hier ein entsprechendes verteiltes Kommunikationssystem zur Verfügung, in dem laufend "gasförmiges Wissen" produziert wird und daher auch nicht zufälligerweise im Sinne eines laufenden "Trend-Scoutings" als Struktur gebende Komponente und Basis für das laufende Crawlen von Webseiten der Suchmaschinenbetreiber herangezogen wird. Folksonomies und Social Tagging und die damit verbundene Bildung von Themen-Communities mündet schließlich in der nächsten Stufe in Form "flüssigen Wissens" in der Bereitstellung und Systematisierung eines gemeinsamen, kontrollierten Vokabulars in Form von (multilingualen) Thesauri oder semantischen Netzen. Erst darauf aufbauend können verlässliche und tragfähige Ontologien im Sinne eines semantisch reichhaltigen Wissensmodells innerhalb einer Wissensdomäne geschaffen werden. Zusammengefasst kann diese Evolution semantischer Modelle in Form der semantischen Treppe dargestellt werden:

ZentraleBegriffe003.jpg

Von "Ontologien" im eigentlichen Sinn sollte daher erst gesprochen werden, sobald im semantischen Modell explizit Möglichkeiten vorgesehen sind, Schlüsse auf Ontologieebene (und nicht etwa auf Applikationsebene) zu ziehen, um beispielsweise festzustellen, ob eine bestimmte Konzeptdefinition überhaupt erfüllbar ist. 8

1.3.3 Domänen-Ontologien, "Light-Weight-Ontologies" und Datenschemata

Dementsprechend verwirrend ist daher auch die Verwendung des Begriffs "Ontologie", um Metadatenschemata wie Dublin Core 9, RSS 10, FOAF 11 zu bezeichnen. Eine Typisierung von Ontologien wird in Anlehnung an [8] vorgeschlagen und zeigt die Bandbreite der Verwendungsmöglichkeiten des Begriffs "Ontologie" 12:

  • Metadaten-Ontologien dienen als Vokabular zur Beschreibung von Informationsquellen bzw. -typen. 
  • Light-Weight-Ontologies, die u. A. mittels SKOS 13, als Vorschlag einer Spezifikation zur Beschreibung von Thesauri oder durch den Topic Maps-Standard 14 ausgedrückt werden können.

Die Vielzahl der Verwendungsarten des Begriffes Ontologie spiegelt sich auch in diesem Band wider, es wird an dieser Stelle jedoch vorgeschlagen, die zukünftige Entwicklung eines "semantischen" Webs auch auf Basis entsprechend wohl definierter Terminologiesysteme zu gestalten 15 und gerade einen zentralen Begriff wie "Ontologie" entsprechend genauer zu bezeichnen und nicht einfach als Homonym bzw. Oberbegriff zu verwenden.

  1. ^ Siehe dazu http://www.w3.org/TR/owl-guide/, aufgerufen am 10.12.2005
  2. ^ Siehe dazu den Beitrag von Kienreich u. Strohmaier in diesem Band
  3. ^ Das Beispiel wurde dem SKOS Core Guide des W3C entlehnt, siehe dazu: http://www.w3.org/TR/2005/WD-swbp-skos-core-guide-20050510, zuletzt aufgerufen am 11.12.2005
  4. ^ Eine entsprechende grafische Darstellung kann mit dem RDF Validation Service des W3C generiert werden, siehe dazu: http://www.w3.org/RDF/Validator, zuletzt aufgerufen am 11.12.2005
  5. ^ Siehe dazu: http://del.icio.us/, aufgerufen am 10.12.2005
  6. ^ Ein guter Überblick zum Thema ?Folksonomies" wird in diesem Weblog geboten: http://twoday.tuwien.ac.at/cheesy/, aufgerufen am 10.12.2005. Siehe dazu auch den Beitrag von Schmitz et al. in diesem Band.
  7. ^ Siehe dazu den Beitrag von Schuster u. Rappold in diesem Band.
  8. ^ Siehe dazu den Beitrag von May in diesem Band.
  9. ^ Siehe dazu: http://dublincore.org, aufgerufen am 10.12.2005
  10. ^ Siehe dazu: http://blogs.law.harvard.edu/tech/rss, aufgerufen am 10.12.2005
  11. ^ Siehe dazu: http://xmlns.com/foaf/0.1/, aufgerufen am 10.12.2005
  12. ^ Siehe dazu: http://www.ontologyportal.org/, aufgerufen am 10.12.2005
  13. ^ Siehe dazu: http://www.w3.org/2004/02/skos/, aufgerufen am 10.12.2005
  14. ^ Siehe dazu: http://www.topicmaps.org/xtm/1.01, aufgerufen am 10.12.2005
  15. ^ Siehe dazu: http://www.semantic-web.at/thesaurus, aufgerufen am 3.1.2006 bzw. http://www.w3.org/2003/glossary/, aufgerufen am 3.1.2006